DER VERSUCH EINER VERSORGUNG DER „FESTUNG BUDAPEST“ ÜBER DIE DONAU

Verfasst von Renato Schirer

In der zweiten Jahreshälfte 1944 zeigte es sich deutlich, dass die Deutsche Kriegsmarine für die Aufgaben im Donaubereich, hier besonders im Zusammenhang mit dem Rückzug der Heeresgruppen Süd sowie E und F (Oberbefehlshaber Südost), in keiner Weise vorbereitet war. Es fehlte von Anfang an eine entsprechende Koordination mit den verbündeten Donauanrainern Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Nachdem Rumänien und Bulgarien die Seite wechselten und zu Gegnern wurden, kämpfte nur mehr Ungarn an der Seite Deutschlands. Doch auch hier zeigte sich bald, dass es an einer effizienten Kommandostruktur fehlte, welche die Land- und Flussstreitkräfte Deutschlands und Ungarns voll zur Wirkung bringen konnte. Vor allem aber mangelte es der deutschen Donauflottille an geeigneten Kriegsschiffen, sowohl von der Bauart her als auch von der Anzahl.[1] Als sich dieses Unvermögen der auf der Donau kämpfenden Marineverbände immer klarer Abzeichnete, propagierte man auch hier, unter völliger Missachtung der realen Möglichkeiten, die Kleinkampfverbände der Kriegsmarine, als eine Art neue Wunderwaffe. So stand am 1. Dezember 1944 ein Teil der des Marine-Einsatz-Kommandos 71 im Bereich der Heeresgruppe Süd, im ungarisch-jugoslawischen Raum im Einsatz. Diese Euphorie mit den Kleinkämpfern wollte die Waffen-SS nicht alleine der Marine überlassen und bildete im September 1944 einen „Jagd-Einsatz-Donau“, als Teil des bereits bestehenden Jagdverbandes Südost. Für diesen Zweck beorderte man die bei in den Ausbildungszentren der Marine in Tölz, Valdagno und Venedig befindlichen und zur Waffen-SS gehörenden 30 bis 40 „Meereskämpfer“ nach Wien.[2] In der Folge unternahmen sowohl die „Kleinkämpfer“ der Marine als auch jene der Waffen-SS mehrere kleinere Einsätze im Donauraum, ohne jedoch spektakuläre Erfolge vermelden zu können.

Als sich zur Jahreswende 1944/45 die Einschließung des IX. Gebirgs-Armeekorps der Waffen-SS (in der Folge als IX. SS-Geb.-A.K. bezeichnet) in Budapest abzeichnete, sah man bei der SS die Chance, sich mit einer spektakulären Versorgungsfahrt auf der Donau in Szene setzen zu können. Die Gelegenheit war günstig, hatte man doch schon seit längerer Zeit ein passendes Schiff bei der Hand. Es handelte sich um das Gütermotorzugschiff „Maria I“ welches man mit einer umfangreichen Funkausstattung versehen und mit zwei Flakvierlingen des Kalibers 2 cm ausgerüstet hatte. Das Schiff war ursprünglich für Sabotageunternehmen im Donaubereich vorgesehen und hatte neben einer umfangreichen Tauchausrüstung auch zwei „Linsen“ (Sprengboote) und mehrere Schlauchboote an Bord. Das im Jahr 1936 von der Schiffswerft Linz erbaute, auch für den Zugdienst verwendbare, Zweischraubenschiff wurde von zwei Climax Vierzylinder-Zweitakt-Glühkopfmotoren mit zusammen 400 PS angetrieben und konnte nominal 552 Tonnen Fracht an Bord nehmen.[3] Bei dem 64,80 m langen und 8,25 m breiten Schiff, mit einem Tiefgang von 2,50 m, handelte es sich um das ehemalige Gütermotorschiff „Waal“ (ex Hans Schmiedl) der COMOS-Reederei, welches später unter deutscher Flagge den Namen „Walter“ führte. Nun stand es unter dem Namen „Maria I“ dem Amt VI/S im Reichs-Sicherheits-Hauptamt (RSHA), welches 1944 die Aufgabe der militärischen Abwehr übernommen hatte, zur Verfügung und wurde dem Jagd-Verband-Südost/Jagd-Einsatz-Donau überlassen.[4]

Zurück zu den Geschehnissen an der Donau. Am 23. Dezember 1944 zogen sich die Schiffe der Donauflottille bei Einbruch der Dämmerung aus dem Raum Budapest zurück. Während ein Kampfverband mit sieben Fahrzeugen vorerst noch unterhalb von Komorn/Komárom/Komárno (Stromkilometer 1768) blieb und am linken Donauufer bei Kravany (Stromkilometer 1738,5) vor Anker ging, fuhren die übrigen Schiffe im Geleitzug weiter stromaufwärts bis nach Wien. Bei Kravany wurde am Vormittag des 24. Dezember das Kommandoschiff „Brünhild“ von sowjetischen Flugzeugen attackiert und mit zwei Bomben beworfen, wobei das Schiff durch die Nahtreffer auch zahlreiche Splitter abbekam, welche auch die Bordwand durchlöcherten. Nach dieser Attacke bekam der Schiffsverband den Befehl, sofort weiter stromaufwärts nach Komorn zu verlegen. Auf Grund der kritischen militärischen Lage fuhr der Verband an Komorn vorbei, bis zu der Signalstation (Stromkilometer 1794), drei Kilometer oberhalb von Gönyü. Auf Höhe von Komorn wurde lediglich ein bewaffnetes Zugschiff als Fühlungshalter zurückgelassen.[5] Am 27. Dezember musste der Hafen von Komorn, um die Mittagszeit, bis auf zwei zurückgelassene Fähren geräumt werden.[6] Um diese Zeit setzte eine kontroverse Diskussion um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Versorgung des in Budapest eingeschlossenen IX. SS-Geb.A.K. auf dem Wasserweg ein. So forderte am 28. Dezember 1944 die Seekriegsleitung den Inspekteur des Minenräumdienstes Donau (IMRDD) auf unverzüglich zu berichten ob Budapest auf dem Wasserweg versorgt werden könne. Die Antwort fiel negativ aus, da, wie Kapitän zur See Lautenschlager ausführte, beide Ufer größtenteils bereits in Feindeshand waren.[7]

Da es bei der Seekriegsleitung entsprechende Zweifel an dieser Lagebeurteilung gab, möglicherweise hatte man auch schon von den Plänen der Waffen-SS erfahren, präzisierte der IMRDD am 30. Dezember seinen Standpunkt. Er meldete, dass eine Versorgung von Budapest mittels Schiff unmöglich sei. Als Gründe führte er an, dass das rechte Ufer ab Dunaalmás teilweise feindbesetzt und die Stadt Esztergom in der Hand des Gegners war. Auch das das linke Ufer war ab Helemba/Chlaba bis kurz oberhalb von Budapest vom Gegner besetzt und es war völlig unklar, ob die Brücke von Esztergom gesprengt und ob hier eine Durchfahrt möglich war. Gegen das Unternehmen sprach auch, das der Gegner bereits auf die Szent-Endreer-Insel übergesetzt hatte und auch der Szent-Endreer Arm der Donau wäre wegen des niedrigen Wasserstandes höchstwahrscheinlich nicht zu befahren. Ein weiteres Argument war die am 24. Dezember verlegte eigene Minensperre, die im Bereich oberhalb von Ujpest bis Dunakeszi das Hauptbett des Stromes blockierte. Auch würde der zurzeit vorhandene Eisgang erhebliche Schwierigkeiten für ein solches Unternehmen bringen.[8]

Am 29. Dezember 1944 wurde die 6. Armee, zu der das eingeschlossene IX. SS-Geb.A.K. gehörte, initiativ. In Gönyü trat Major im Generalstab Meyer, aus dem Stab des Generalquartiermeisters der 6. Armee, an die dortige Außenstelle der Wehrmachts-Transportleitung Südost (WTL-SO) mit der Forderung heran, sofort ein Schiff für ein Sonderunternehmen zur Versorgung Budapest namhaft zu machen.[9] Die WTL SO stellte für diesen Zweck das ungarische Motorschiff „Parkany“ zur Verfügung, wobei man darauf bestand, dass die Besatzung des Schiffes von der Marine gestellt würde. Der Vertreter der WTL in Gönyü forderte daher vom Kampfgruppenführer der 1. Donauflottille zehn Marineangehörige der entsprechenden Laufbahnen an, welche bis zum 31.12.1944 um 12:00 Uhr zu stellen waren. Auf Anordnung des vorgesetzten IMRDD war die erwünschte Mannschaft aus dem in Gönyü verfügbaren Marinepersonal zu stellen. Mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass das bergfahrende Motorschiff „Parkany“ erst entladen werden müsste, daher suchte Major i. G. Meyer eine andere Möglichkeit. Diese bot sich in dem der Waffen-SS gehörenden Motorschiff „Maria I“. Nach Rücksprache mit SS-Obergruppenführer Höfle, in seiner Funktion als der Deutsche Befehlshaber in der Slowakei, wurde das Schiff für diesen Zweck freigegeben und nach Komorn beordert, wo es am 31. Dezember 1944 eintraf.[10] Die WTL SO erfasste den Neuzugang, der unter dem Kommando von SS-Untersturmführer Bouwens stand, unter der Bezeichnung „KT 37“.[11]

Zur Besatzung des Schiffes „KT 37“, ex „Maria I“, liegen unterschiedliche Angaben vor. Nach Angaben der SS trat das Schiff unter dem Kommando von Untersturmführer Bouwens mit einer Besatzung von 15 Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden die Fahrt nach Budapest an. Von der Stammbesatzung der „Maria I“, die zum SS-Jagdverband Donau gehörte, ist bekannt, dass sie zum Teil in russischen Uniformen eingekleidet waren.[12] Von Seiten der Donauflottille wurden zur Ergänzung der Schiffsbesatzung ein Unteroffizier mit seemännischer Laufbahn und zwei Spezialmechaniker für Glühkopfmotoren beigestellt.[13] Auf Weisung der 6. Armee wurde nur das allernotwendigste Personal an Bord belassen, wobei auch der Führer des Jagdkommandos zurückbleiben musste. Insgesamt sollen es 14 Mann, sowohl Angehörige der Waffen-SS als auch der Kriegsmarine, gewesen sein, die bei der Abfahrt an Bord waren.[14] Nachdem das Schiff in Komorn eingetroffen war, wurde es mit 600 t Munition und Verpflegung beladen. Während der Zeit der Beladung wurden von den verschiedensten Stellen Bedenken gegen einen Erfolg des Unternehmens geltend gemacht, trotzdem blieb es bei dem Befehl zum Auslaufen. „KT 37“ verlies am 31. Dezember 1944 gegen 18.00 Uhr den Hafen von Komorn.

Dazu berichtete das Kriegstagebuch des IMRDD am 1. Januar 1945: „Der von der 6. Armee für die Versorgung von Budapest vorgesehene KT 37 wird bei der Ausrüstung mit Personal von mir unterstützt. Ich lasse KT 37 durch Bechelaren verständigen, dass Hauptdonauarm wegen Verminung von km 1658 bis 1663 nicht befahrbar ist. Bechelaren erreicht KT 37 in Komarom und bestätigt Ausführung der Information. Die für den Durchbruch von KT 37 anfangs erbetene Unterstützung durch 2 Kanonen-Boote wird wieder von der 6. Armee zurückgezogen.“[15] Bei hellem Mondlicht begann die gefährliche Fahrt nach Budapest, wobei „KT 37“ auch mehrfach vom Ufer aus Beschuss erhielt. Ohne Schaden zu nehmen gelang es die gesprengte Brücke bei Esztergom zu passieren. Entsprechend der Minenwarnung verließ man dann das Hauptbett des Stromes und fuhr unterhalb von Visegrad, bei Stromkilometer 1691,8, in den Szent-Endreer-Arm der Donau ein.


Die Donau von Esztergom bis Vác und Tahitótfalu (NARA RG-242; Deutsche Heereskarte 1:100000, Großblatt Nr. 447).
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Dieser Nebenarm der Donau mündet bei km 1657,30 wieder in das Hauptbett des Stromes. Allerdings war diese Passage für ein vollbeladenes Schiff mit einem Tiefgang von zweieinhalb Meter ein äußerst gewagtes Unternehmen. Die Fahrt endete auch nach kurzer Zeit, bei km 12 im Szent-Endreer-Arm, als das Schiff beim Versuch die gesprengte Brücke von Tahitótfalu zu passieren auf eine Sandbank auffuhr.[16] Dazu vermerkte das Kriegstagebuch der Heeresgruppe Süd am 1. Januar 1945: „[…] Versorgungsschiff bei Tahitótfalu auf Grund gelaufen; Besatzung versucht es wieder flott zu machen, wird jedoch anscheinend von schwachen Feind angegriffen. IX. SS-Geb. AK. hat Befehl Boote entgegen zu Schicken. […].“[17] Am folgenden Tag vermerkte der IMRDD in dieser Angelegenheit, fast wortgleich mit der Heeresgruppe Süd: „[…] Der auf Befehl und unter Verantwortung der 6. Armee von Komarom entsandte Versorgungsschiff KT 37 ist bei Tahitotfalu im Szentendreer-Arm auf Grund gelaufen. Die Besatzung wird anscheinend von schwachen Feindkräften angegriffen. Das IX. SS-Gebirgs A.K. hat Befehl, Boote zur Leichterung KT-37 entgegenzuschicken. […]“[18] Am 2. Januar 1945 präzisierte die Tagesmeldung der Heeresgruppe Süd, dass das am Abend des 31. Dezember in Richtung Budapest abgegangene Versorgungsschiff sich südlich von Tahitótfalu festgefahren hatte. Nachdem der Wasserstand in diesem westlichen Seitenarm der Donau weiter sank, musste man die Hoffnung aufgeben das Schiff wieder flott zu bekommen. Daher wurde die Entladung des Schiffes befohlen und das Verstecken der Ladung angeordnet. Letztere Maßnahme weist deutlich auf dem Umstand hin, dass die deutsch-ungarischen Verbände keine Kontrolle in diesen Bereich mehr hatten.[19]


OKH/GenStdH/OpAbt, Lagekarte vom 1.1.1945 (NARA RG-242 via WW II Aerial Photos and Maps).
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Die Seekriegsleitung bemerkte zur Donaulage im Kriegstagebuch: „Von Heer bezw. SS ist trotz der großen Schwierigkeiten der Versuch gemacht worden, Nachschub nach Budapest auf der Donau durch ein von Komorn entsandtes KT-Schiff durchzubringen. Der Versuch ist dadurch mißglückt, daß das Schiff in der Nähe des Donauknies strandete. Hilfeleistung durch Boote zum Leichtern wird versucht.“[20] Wohl noch in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 1945 hatte das in Budapest führende IX. SS-Geb.A.K. die Entsendung eines leeren Schiffes zur Entladung des gestrandeten Schiffes beantragt, worauf die WTL SO am 3. Januar 1945 das Motorschiff „March“, einen Schlepper der Einheitstype N, zur Hilfeleistung in Marsch setzte.[21] Auch hier stellte die Donauflottille einen technischen Unteroffizier und einen Motorenspezialisten zur Verstärkung der Besatzung zur Verfügung. Doch auch der Schlepper „March“ kam nicht weit und lief unterhalb von Esztergom auf eine Sandbank auf. Das unbewegliche Schiff wurde in der Folge ein Opfer der sowjetischen Artillerie und brannte aus.[22] Die Heeresgruppe vermerkte dazu in der Tagesmeldung zum 3. Januar 1945, in (gewollt?) missverständlicher Form: „[…] Versorgung Budapest: In der Nacht vom 3./4. 1. wird ein 2. Donauschiff nach Budapest abfahren. […]“[23] Am 4. Januar tauchte neuerlich die Frage auf, ob auch weiterhin versucht werden sollte das eingeschlossene Budapest auf diesen Weg zu versorgen. Dies wurde von der auf der Donau führenden Marinedienststelle, dem IMRDD, neuerlich energisch verneint. In einem an die Seekriegsleitung und an den Marine-Verbindungsoffizier bei der Heeresgruppe Süd adressierten Fernschreiben wies er auf die Lagemeldungen der letzten Tage hin. Denn eine bereits seit 14 Tagen anhaltende Frostperiode und das aus den Nebenflüssen kommende Eis behinderte schon seit Tagen die Schifffahrt. Auch zeigte der Wasserstand der Donau eine stark fallende Tendenz, sodass die Wassertiefe im Bereich der Furten zum Teil gerade noch 160 cm betrug.

Alle diese Fakten ließen eher an ein rasches Zurückziehen aller Schiffe aus dem Bereich unterhalb von Wien ratsam erscheinen.[24] Trotz der vorgebrachten Bedenken verlangte die Seekriegsleitung am 5. Januar 1945, mit dem Hinweis auf die Notlage der in Budapest eingeschlossenen Truppen, neuerlich das Ausschöpfen aller Möglichkeiten um den erforderlichen Nachschub zuzuführen. Der IMRDD erhielt folgenden Befehl: „Lage Budapest erfordert Ausschöpfung aller Möglichkeiten zur Unterstützung eingeschlossener Truppen. Daher Versorgung auf Wasserweg mit allen Mitteln versuchen, sobald Feindlage und Eisverhältnisse Unternehmen durchführbar erscheinen lassen.“[25] Am 6. Januar findet sich im Kriegstagebuch der Seekriegsleitung lediglich der Hinweis, dass von dem bei Tahitófalu gestrandeten KT-Schiff und von dem zur Hilfe entsandten Motorschlepper bisher noch keine Meldungen vorliegen.[26] Auch am nächsten Tag gab es keine neuen Informationen zu den gescheiterten Versorgungsunternehmen vom 31. Dezember und zum Verbleib des zur Hilfe entsandten Schleppers „March“.[27] Daher forderte der IMRDD wiederum eine Luftaufklärung an, um Gewissheit über das Versorgungsschiff „KT 37“ und den Schlepper „March“ zu erlangen, was von der Luftwaffe jedoch wegen Treibstoffmangel abgelehnt wurde.[28] So dauerte es bis zum 13. Januar 1945 bis endlich Klarheit über das Schicksal der beiden Schiffe erlangt werden konnte.

Mittlerweile war bekannt geworden, dass „KT 37“ infolge des bei der Grundberührung entstandenen Lecks gesunken war. Nachdem zwei, aus dem 17 km entfernten Budapest organisierte Unternehmen zur Bergung der Munition kaum den erwarteten Erfolg brachten, gelang ein drittes nächtliches Unternehmen. Was den Verfasser des Kriegstagebuches bei der Seekriegsleitung zu den Euphemismus verleitete: „Es ist damit festzustellen, daß das [Anm.: zwei Wörter geschwärzt] trotz der erheblichen Schwierigkeiten wagemutig durchgeführte Unternehmen im Enderfolg doch Nachschub nach Budapest hat durchbringen können.“[29] Jürg Meister, der sich für sein Standardwerk über den Seekrieg in osteuropäischen Gewässern noch auf viele Zeitzeugen stützen konnte, schrieb dazu: „Es gelang der Besatzung, mit Beibooten und Schlauchbooten Budapest zu erreichen und anscheinend von dort aus in den nächsten 6 Nächten mit Hilfe eines ungarischen Panzerbootes und 5 Pionierbooten den Großteil der Ladung zu bergen“.[30] In derselben Angelegenheit meldete am 9. Januar das IX. SS-Geb.A.K. mittels Funkspruch an die Heeresgruppe Süd zur Versorgungslage: …“Bisher 3 to. Wurf-Granaten aus Geisterschiff geborgen. Bei Art.-Mun. Kartuschen durch Feind ins Wasser geworfen. Lebensmittel geplündert.“[31] In der Nacht vom 11. auf den 12. Januar wurde von Budapest aus ein drittes Unternehmen zur Bergung von Munition aus dem bereits sinkenden Versorgungsschiff bei Tahitótfalu gestartet und erfolgreich abgeschlossen.[32] Doch auch die Bilanz dieses Unternehmens fiel eher mager aus, es konnten lediglich 30 Schuss Artilleriemunition und einige Kisten mit Flakmunition geborgen werden.[33]

Am 13. Januar klärte sich auch der Verbleib des Schleppers „March“. Nach Angaben von Überlebenden, die sich zur deutschen Front durchschlagen konnten, wurde der Schlepper 3—4 km östlich von Gran durch sowjetische Artillerie in Brand geschossen und versenkt.[34] Selbst im Führerhauptquartier wurde das Geschehen thematisiert, so in der Mittagslage vom 10. Januar 1945, als Hitler im Zusammenhang mit der Versorgung von Budapest auch das missglückte Unternehmen auf der Donau vorgetragen wurde.[35] In Zusammenhang mit dem von der Seekriegsleitung am 5. Januar 1945 erteilten Befehl alles zur Versorgung der eingeschlossenen Besatzung von Budapest zu unternehmen, wandte sich Kapitän zur See Lautenschlager am 7. Januar mittels Fernschreiben an die WTL SO in Wien und stellte folgenden Fragen: 1.) Ist Lage KT 37 bekannt? 2.) Ist Lage March bekannt? 3.) Stehen weitere Versorgungsschiffe bereit? 4.) Stehen eventuell die kleinen MFTR-Fahrgastschiffe zur Verfügung? 5.) Stehen erfahrene Lotsen für den Szent-Endreer Arm zur Verfügung? 6.) Wo, was und welche Mengen sind zu verladen? 7.) Sieht WTL bei den gegenwärtigen Eis- und Niedrigwasserverhältnissen eine Versorgungsmöglich auf dem Wasserweg? 8.) Sind bei der WTL die Durchfahrtsmöglichkeiten für die Brücken Esztergom und Tahitótfalu bekannt 9.) IMRDD will helfen! Kann WTL durch Schiffs- und Personalgestellung usw. helfen?

Die Antwort aus Wien war, dass die derzeitige Lage eine Versorgung auf dem Wasserweg nicht gestatte. Der Grad der Eisbildung unterhalb von Komorn war der Transportleitung nicht bekannt, daher ersuchte die WTL SO in diesem Zusammenhang die Heeresgruppe Süd eine diesbezügliche Luftaufklärung zu beantragen. Die Fragen zu den Punkten 1.) 2.) 4.) 5.) und 8.) beantwortete man mit einem eindeutigen „nein“. Schiffe für die Versorgung wären vorhanden, allerdings müssten die Besatzungen von der Marine bereitgestellt werden. Die vom IMRDD gewünschten Angaben über Art und Umfang des Ladegutes wären direkt bei der 6. Armee zu erfragen. Zur Frage 7 antwortete die Transportleitung eher ausweichend und meinte, dies hänge von der militärischen Lage und der Witterung ab. Zum letzten Punkt wurde mitgeteilt, dass die Marine, neben der Bereitstellung von Schiffsbesatzungen, auch für einen kampfkräftigen Geleitschutz zu sorgen hätte.[36] Optimistischer zeigte sich der MVO bei der Heeresgruppe Süd, der der ebenfalls das Fernschreiben erhalten hatte. Er sah gewisse Erfolgsaussichten, da kaum mit einer lückenlosen Überwachung des Stromes durch den Gegner zu rechnen sei und auch die Luftaufklärung festgestellt hätte, dass es oberhalb von Budapest keine Pontonbrücken gäbe.


OKH/GenStdH/OpAbt Lagekarte vom 7.1.1945 (NARA RG-242 via WW II Aerial Photos and Maps).
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Zur Brücke in Esztergom teilte er mit, dass vom Westteil noch etwa 150 m stehengeblieben wären, während der restliche Teil im Strom liege und sich davor bereits ein Eisstau gebildet hätte. Über den Zustand der Brücke von Tahitótfalu war die Heeresgruppe nicht informiert, aber eine Erkundung wurde angeordnet. Die vorderste Linie verlief zu diesem Zeitpunkt im Bereich südlich der Donau auf Höhe von Esztergom und am nördlichen Ufer etwa 2 km ostwärts von Komorn. Nach Ansicht der Heeresgruppe sollten in Gönyü, in Absprache mit der WTL SO, 1000 t Munition, Brennstoff und Verpflegung, bereitgehalten werden.[37] Der Optimismus beim Stab der Heeresgruppe basierte damals vor allem auf dem „Unternehmen Konrad“, welches am 1. Januar 1945 zum Entsatz Budapests angelaufen war. Das III. Panzerkorps und IV. SS-Panzerkorps sollte die sowjetischen Verbände zwischen Budapest und dem Vértes-Gebirge vernichten und eine Verbindung mit der ungarischen Hauptstadt herstellen. Nach anfänglichen Erfolgen, bei denen die deutschen gepanzerten und mechanisierten Kräfte den Sowjets erhebliche Verluste zufügen konnten, scheiterte das Vorhaben und musste am 12. Januar 1945 abgebrochen werden.[38]



Links: Der Vorstoß auf Budapest am 8. Januar, zu Beginn des Entlastungsschlages. Rechts: Die Situation am 12. Januar, zum Zeitpunkt des Abbruchs der beiden gescheiterten Unternehmen. Vergleiche dazu auch die Lagekarte vom 7.1.1945, mit der Ausgangssituation des Unternehmens „Konrad“
(NARA RG-242 via WW II Aerial Photos and Maps, Lagekarte OKH/GenStdH/OpAbt vom 8. und 12.1.1945)
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Am 7. Januar begann ein weiteres Unternehmen, welches den Zweck hatte das Unternehmen „Konrad“ zu entlasten. Dabei sollte das I. Kavalleriekorps, gemeinsam mit dem III. Panzerkorps und dem IV. SS-Panzerkorps gegen die sowjetische 46. Armee und 4. Garde-Armee vorgehen, wobei es den deutschen gepanzerten- und mechanisierten Verbänden gelang den sowjetischen Verbänden im Raum Stuhlweissenburg (Székesfehérvár) erhebliche Verluste zuzufügen. Doch der erhoffte Durchbruch durch die sowjetische Frontlinie gelang nicht, so das auch dieses Unternehmen am 12. Januar 1945 eingestellt werden musste, ohne das eigentliche Ziel erreicht zu haben.[39] Um den 10. Januar herum, war es allen Beteiligten klar, dass auch die Luftversorgung, für das seit dem 24. Dezember 1944 eingeschlossene Budapest, kläglich gescheitert war. Am 29. Dezember stand zwar die Luftbrücke, doch die vorgesehene tägliche Versorgungsmenge von 80 t, davon 60 t durch Landung und 20 t durch Abwurf mittels Fallschirm, konnte an keinem Tag erreicht werden. Daher war es nur logisch, dass man nach dem Versagen der Luftversorgung und dem Scheitern des Entsatzes der eingeschlossenen Festung einen neuerlichen Anlauf in Richtung einer Versorgung der Stadt auf dem Wasserweg nahm. Diese neuerliche Initiative dürfte von der 1. Seekriegsleitung im Oberkommando der Marine ausgegangen sein. In diesem Zusammenhang forderte die Seekriegsleitung vom Oberkommando der Luftwaffe, die Luftflotte 4 anzuweisen eine ständige Erkundung bezüglich der Feindlage auf dem Donauabschnitt oberhalb von Budapest durchzuführen.[40] Zu diesem Zeitpunkt waren weder die Eisverhältnisse auf dem Strom zwischen Komorn und Budapest bekannt, noch gab es Informationen ob die gesprengten Brücken bei Estergom und Tahitótfalu passierbar waren.[41]

Auf Initiative der Marine kam es zum Start des Unternehmens „Titania“, benannt nach einem gleichnamigen Schlepper, der von der WTL SO für ein weiteres Unternehmen zur Versorgung der eingeschlossenen Festung zur Verfügung gestellt wurde.[42] Mit Hilfe dieses Schleppers wollte man zwei kleine Kähne mit jeweils 40 t Ladekapazität, so wie sie auf der Elbe im Gebrauch standen, nach Budapest bringen. Der Schleppzug sollte mit einer Geschwindigkeit von 12 km/h den Weg über den Szent-Endreer-Arm nehmen, wo man mit einer minimalen Wassertiefe von 140 cm rechnete. Die WTL SO bestand darauf, dass dieses Vorhaben, solange nicht beide Donauufer freigekämpft wären, ausschließlich von der Kriegsmarine durchzuführen wäre.[43] Die WTL SO wollte zwei ortskundige ungarische Lotsen beistellen, die sich bereit erklärt hatten den Schleppzug bei sternenklarer Nacht, auch bei der momentanen Mondperiode, durch den Nebenarm der Donau zu lotsen. Nach Meinung der Marine konnte das Unternehmen erst ab 18. Januar 1945, mit Eintritt des ersten Mondviertels, in Betracht gezogen werden. Dies bedeutete allerdings eine weitere Verzögerung von einer Woche. Darüber hinaus dürfe es zwischen Gönyü und Budapest keinerlei Eisversetzung geben. Aus diesen zahlreichen im KTB IMRDD festgehaltenen Vorbehalten lässt sich unschwer die negative Haltung von Kapitän zur See Lautenschlager zu diesem Vorhaben erkennen.

Des Weiteren forderte die Marine, dass in jenen Bereichen wo die Gefahr bestand das die Schiffe von Land aus unter Feuer genommen würden, die Artillerie des Heeres den Feuerschutz für den Schleppverband übernehmen müsste. Dies wäre für die Bereiche Komorn, Esztergom und nördlich von Budapest in Betracht zu ziehen und müsste durch den MVO bei der Heeresgruppe Süd organisiert und sichergestellt werden.[44] Immerhin kam man den Forderungen der Seekriegsleitung insoweit entgegen, dass der Schleppzug die Durchfahrt notfalls auch mit Gewalt erzwingen sollte. Dafür wurde als Begleitschutz der Marine-Fährprahm „MFP 307“ namhaft gemacht, welcher sich für diese Aufgabe bereit zu halten hatte.[45] Aus Gründen welche sich aus den überlieferten Unterlagen nicht erkennen lassen ersetzte die Marine den von der WTL SO vorgesehenen Schlepper „Titania“ durch das zur 2. Donauflottille gehörende Räumfahrzeug „Macva“, ein ehemaliges jugoslawisches Radzugschiff.[46]

Am 14. Januar 1944 erreichte die Versorgungskrise in Budapest einen vorläufigen Höhepunkt. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, General der Infanterie Wöhler, sah sich gezwungen sich mit einem Hilferuf an die Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres und an die für die Luftversorgung zuständige Luftflotte 4 zu wenden. Er berichtete über die verzweifelte Lage in der eingeschlossenen Stadt, wobei er besonders auch auf das bedrohliche Absinken der Bestände an Munition hinwies.[47] Die Vorgänge in und um Budapest veranlassten den Chef des Generalstabes des Heeres sich am 14. Januar direkt an Hitler und Göring zu wenden, wobei Generaloberst Guderian auf die prekäre Lage der eingeschlossenen Besatzung und auf die unzureichende Versorgung aufmerksam machte.[48] Trotz der kritischen Situation in Budapest ging mit dem Unternehmen „Titania“ kaum etwas weiter. Es dauerte bis zum 15. Januar bis das als Ersatz für den Schlepper „Titania“ vorgesehene Zugschiff „Macva“ und der Marine-Fährprahm „F 1028“, welcher den ursprünglich vorgesehenen „F 307“ ersetzte, in Gönyü eintrafen. Am 16. Januar meldete der IMRDD den aktuellen Zustand der Vorbereitungen an die Seekriegsleitung, demnach standen in Gönyü der Schlepper „Macva“ und ein Güterschlepp mit 200 t Ladekapazität, welcher durch die 6. Armee beladen wurde, sowie „F 1028“ als Begleitschiff bereit. Ebenso war das Wachschiff „Weichsel“ in Gönyü vor Anker gegangen, um als schwimmende Funkstation zu dienen welche die Verbindung zum IMRDD und zur Donauflottille sicherstellte.

Darüber hinaus sollte das Räumfahrzeug „Krf“ um 16:00 Uhr von Wien stromabwärts nach Deutsch-Altenburg abgehen, wo zwei marineeigene kleine Güterschlepp, mit jeweils 60 t Ladekapazität, lagen, welche sich für die Versorgungsaufgabe Budapest in Ausrüstung befanden.[49] In diesem Zusammenhang rückte das bergwärts fahrende ungarische Motorgüterschiff „Parkany“ neuerlich in den Blickpunkt. Die WTL sollte dafür sorgen, dass das Schiff schnellstens entladen und ebenfalls für das Unternehmen „Titania“ sichergestellt wird.[50] Bis zum 19. Januar hatte man in Gönyü auch den zweiten hier liegenden 200 t Güterschlepp beladen. Doch für die beiden, mittlerweile von Deutsch-Altenburg nach Gönyü geschleppten, 60 t Kähne hatte die Heeresgruppe keine Versorgungsgüter mehr um auch diese zu beladen.[51] Während die Vorbereitungen eher zögerlich vorangetrieben wurden, wurde die Kritik an der Marineführung im Donaubereich immer lauter. Die Seekriegsleitung präzisierte am 12. Januar, dass die Versorgung von Budapest über die Donau ausschließlich Aufgabe der Kriegsmarine sei und in engster Verbindung mit der Heeresführung und der WTL SO zu erfolgen habe. Des Weiteren wurde auch kritisiert, dass der Stab des IMRDD in Passau viel zu weit vom Geschehen entfernt sei. Die Seekriegsleitung forderte den Standort unverzüglich näher an die Front zu verlegen.[52] Daraufhin verlegte der Operationsstab vorerst nach Wien, wo er am 13. Januar eintraf und im Gefechtsstand der 2. Donauflottille seine Arbeit aufnahm. Das Stabsschiff „Helios“ sollte, sobald es der Wasserstand erlaubt, ebenfalls von Passau nach Hainburg verlegen um dort den Operationsstab aufzunehmen.[53]

Während in den höchsten Führungsgremien bei Heer und Marine Druck gemacht wurde, um das Unternehmen Titania voranzubringen und um den eingeschlossenen Truppen in Budapest auf dem Wasserweg Nachschub zukommen zu lassen, arbeitete die Natur dagegen. Von Tag zu Tag verstärkte sich die Eisbildung auf der Donau und am 11. Januar gab es von Wien bis Bratislava bereits starkes Eistreiben. Weiter Stromabwärts war der Strom zu 8/10 mit Schnee und Eis bedeckt, damit herrschten also äußerst ungünstige Voraussetzungen für das geplante Vorhaben.[54] Die Situation auf der Donau verschlechterte sich von Tag zu Tag, besonders im Bereich der Donauschleife bei Nagymaros – Visegrad.[55] Bis zum 15. Januar war die Eisbildung so weit vorangeschritten, dass der Strom auf Höhe der gesprengten Brücke von Esztergom, die unmittelbar hinter der vordersten deutschen Linie lag, bereits zu Fuß überquert werden konnte.[56] Hier hatte sich ein Eisstau gebildet, der am 16. Januar bereits eine Länge von 3 km erreicht hatte.[57] Über den MVO wurde bei der HGr. Süd interveniert, um den Einsatz von Pionieren, welche die störenden Brüche im Eis sprengen sollten, um ein Ablaufen des Eises zu ermöglichen. Erst am Abend des 19. Januar wurde mit den Sprengungen begonnen, die erst in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar zum Abschluss kommen sollten. Mittlerweile hatte sich die Situation durch den steigenden Eisgang dramatisch verschlechtert und ein weiterer kleinerer Eisstau hatte sich im westlichen Nebenarm bei Tahitotfalu gebildet, in einem Bereich der von deutscher Seite nicht erreichbar war. Als besonders erschwerend erwies es sich, dass am 20. Januar nur die bereits sechs Tage alten Luftbilder der Stabsbildabteilung bei der Heeresgruppe Balck (6. Armee) vorlagen.[58]

Nachdem die Pioniere in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar das stehengebliebene östliche Joch der gesprengten Brücke beseitigten, um einen Abfluss der gewaltigen Eismassen zu ermöglichen, mussten sie erkennen, dass es unmöglich war die gewaltigen Eismassen mit Sprengladungen zu beseitigen. Denn die durch die Sprengungen geschaffenen Lücken wurden von den nachkommenden großen Eisplatten sofort wieder geschlossen. Außerdem reichte das Eis zum Teil bis auf den Grund, was dazu führte, dass die losgesprengten Stücke nur sehr langsam abflossen.[59] Nachdem die Heerespioniere ihre Sprengungen eingestellt hatten, musste man zur Kenntnis nehmen, dass das Unternehmen „Titania“ gescheitert war. Die Heeresgruppe Süd befahl das Vorhaben auf unbestimmte Zeit zu verschieben und den mit Munition beladenen 200 t-Schlepp nach Komorn zu bringen, um dort der 6. Armee zur Verfügung zu stehen.[60] Obwohl die Schiffe für das Unternehmen „Titania“ weiterhin im Raum Komorn und Gyönyü verblieben, hatte die Heeresgruppe die Hoffnung aufgegeben die Versorgung Budapests zumindest einen Teil über den Wasserweg realisieren zu können.


Das Luftbild vom 13. Januar 1945 zeigt die Eisbildung im Bereich Nagymaros/Visegrád, kurz vor der oberen Mündung des Szent-Endreer-Armes der Donau (NARA RG-373, Dick Tracy/Target Map [Ausschnitt] via WW II Aerial Photos and Maps).
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Der zum vorstehenden Luftbild korrespondierende Ausschnitt aus der Deutschen Heereskarte 1:100000, Großblatt Nr. 447 (NARA RG-242).
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Zum Zeitpunkt des Abbruchs der Vorbereitungen für das Unternehmen „Titania“ war der Eisstoß oberhalb der Brücke von Esztergom bereits 9 km lang. Unterhalb der Stadt, bei km 1744, gab es einen weiteren Eisstau von 2 km Länge und weiter stromabwärts standen große bis zu 200 Meter lange und 80 Meter breite Eisplatten welche bis zu 30 cm dick waren. Auch der Szent-Endreer-Arm war von seiner Einmündung bis zur gesprengten Brücke bei Tahitotfalu zur Gänze zugefroren und weiter bis Szentendre mit Eis bedeckt. Bis auf Höhe von Vác trieben größere Eisschollen auf dem Strom und der Bereich von Ercsi bis Budapest war frei vom Eis. Nach längerer Zeit hatte die Luftwaffe wieder eine Aufklärungsmission entlang der Donau gestattet, dies vor allem, weil bei Ercsi der dortige Fährbetrieb des Gegners bekämpft wurde.[61]

Auf Befehl des Oberquartiermeisters der 6. Armee wurde der mit Munition beladene 200 t Kahn in Komorn entladen, um die Munition dem allgemeinen Verbrauch zuführen zu können.[62] Umso verwirrender ist die Tatsache, dass zur selben Zeit das Oberkommando der 6. Armee die Überführung eines Tankkahnes mit 200 t Brennstoff nach Budapest beantragte.[63] Im KTB der Seekriegsleitung findet sich am 22. Januar die letzte Eintragung in dieser Angelegenheit: „[…] dass das Versorgungsunternehmen Budapest bis auf weiteres von der Heeresgruppe Süd zurückgestellt worden ist“.[64]


OKH/GenStdH/OpAbt Lagekarte vom 28.1.1945, Konrad 3 ist gescheitert (NARA RG-242 via WW II Aerial Photos and Maps).
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Am 25. Januar verlegte der für das Unternehmen „Titania“ bereitgestellten Schiffsverband stromaufwärts nach Hainburg, wo sich mittlerweile auch der Operationsstab des IMRDD auf dem Räumschiff „Lubljana“ eingefunden hatte.[65] Das resignative Verhalten der obersten Kommandostellen von Heer, Marine und Luftwaffe im Zusammenhang mit der Aufgabe des Unternehmens „Titania“ ist wohl im Zusammenhang mit dem am 18. Januar gestarteten Unternehmen „Konrad 3“ zu sehen, dessen Misserfolg sich zu diesem Zeitpunkt bereits abzeichnete. Zwischen dem 18. und dem 26. Januar versuchte die Heeresgruppe Süd nochmals die sowjetischen Kräfte zwischen Donau und Vertes-Gebirge aufzuspalten und so den Einschließungsring um Budapest aufzubrechen. Doch die eingesetzten gepanzerten und mechanisierten Verbände des III. Panzerkorps und des IV. SS-Panzerkorps waren auch diesmal wieder zu schwach um die vorgegeben Ziele zu erreichen. Die Vorstehende Lagekarte der Operationsabteilung im Generalstab des Heeres, vom 28. Januar, zeigt im Vergleich mit der Lagekarte vom 7. Januar 1945, wie vergeblich die drei Versuche eines Entsatzes der eingeschlossenen Stadt (Unternehmen Konrad 1, 2 und 3) waren. Mit dem Scheitern dieses letzten Versuchs eines Entsatzes von Budapest waren die eingeschlossenen Truppen, sowohl des deutschen IX. SS-Gebirgskorps als auch des ungarischen I. Armeekorps abgeschrieben. So findet sich im KTB der Seekriegsleitung am 31. Januar 1945 der folgende, an Zynismus kaum zu überbietende, Satz: „Die Besatzung von Budapest bezog die letzte Verteidigungsstellung. Alsdann ist nur noch Kampf in der Art wie einst in Spanien um den Alkazar möglich unter Aufgabe der Versorgungseinrichtungen und der etwa 10.000 Verwundeten“.[66] Am 11. Februar 1945 vermerkt der IMRDD in schwülstigen Worten im Kriegstagebuch: „Die Schlacht um Budapest geht nach 50 tägigen Ringen ihrem Ende entgegen. Infolge des Durchbruchs des Gegners fällt die Luftversorgungsbasis aus.[67]

Ein mit Elan vorgetragenes Unternehmen zur Versorgung über den Wasserweg hätte wahrscheinlich zum Zeitpunkt der Schließung des Kessels, am 24. Dezember und in den Tagen danach, möglicherweise eine geringe Chance gehabt. Zu dem Zeitpunkt als der erste Versuch in dieser Hinsicht gestartet wurde, war das Zeitfenster bereits geschlossen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Marineführung, sowohl die 1. Seekriegsleitung als auch die auf der Donau führenden Kommandobehörden, den nötigen Vorausblick vermissen ließen und es auch an jeglicher Initiative mangelte. Dazu kommt dann noch die Geringschätzung die im Stab der Heeresgruppe Süd in Bezug auf die zur Zusammenarbeit angewiesenen Marineverbände herrschte, wobei wohl auch den im Stab der Heeresgruppe tätigen Marineverbindungsoffizier ein gerüttelt Maß an Schuld zuzumessen ist. Der Beitrag der deutschen Marinestreitkräfte im Donaubereich zum Kriegsgeschehen war im Vergleich mit jenem der sowjetischen Donauflottille, welche wesentlich aktiver operierte und auch mit den Heereskräften besser kooperierten, als gering anzusehen. Diese Tatsache beruht auch auf der Vernachlässigung durch das OKM, welches zu keiner Zeit der Donauflottille die für die Kriegsführung auf der Donau geeigneten Schiffe zur Verfügung stellen wollte, wobei besonders Großadmiral Dönitz eine äußerst destruktive Rolle zukam.[68] Im Anhang die Abschlussmeldung der Heeresgruppe Süd, in der General Wöhler auf die Tragödie der eingeschlossenen Besatzung kaum eingeht.




Quelle: NARA, Microfilm Publication T-311 roll 162.
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[1] Vergleiche dazu im Historischen Marinearchiv den Fachartikel → „Die Donaumonitore der deutschen Kriegsmarine“:
[2] NARA, RG-238, IMT Nürnberg Interrogation, Skorzeny file und Report No. S-975, SCI, 7th Army, 23 May 1945. Der Jagd-Einsatz-Donau unter dem Kommando von Hauptsturmführer Pfriemer unterstand, ebenso wie der der Jagdverband Südost der Leitstelle Südost des Reichs-Sicherheits-Hauptamtes (RSHA) Amt VI/S.
[3] NARA, Microfilm Publication M 1928, roll 5. USACA, General Records, COMOS und RG-238, IMT Nürnberg, Skorzeny file. Vergleiche dazu auch: Erich Gröner, Die deutschen Kriegsschiffe 1815—1945, Band 8/1, Bonn 1993, S.117 f. und 120. Das Schiff wurde nach Kriegsende gehoben und als ungarisches Güterboot GK 6901 in Dienst gestellt, bis es dann 1947 als Kriegsbeute in die Sowjetunion verbracht wurde.
[4] März 1938 an Comos (niederländisch) als „Waal“; 10. Mai 1940 (deutsch) „Walter“, 1945 an RSHA „Maria I“, 31. Dezember 1944 von WTL SO als „KT 37“ beschlagnahmt.
[5] Adam Koschu, Kampf und Rückführung der deutschen Donauflottille 1939—1945, o.O., 1947, S. 48.
[6] Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 64/II, Berlin, Bonn, Hamburg 1996, S. 650.
[7] Ebd., S. 668.
[8] Ebd., S. 697.
[9] Das folgende nach dem Fernschreiben des IMRDD, über die Vorgänge um KT 37, vom 14.1.1945 an OKM 1 SKL (KTB IMRDD, 14.1.1945).
[10] Hermann Höfle, SS-Obergruppenführer und General der Polizei, 14.9.1943 bis März 1945 Deutscher Befehlshaber in der Slowakei.
[11] RG-238, IMT Nürnberg Interrogation, Skorzeny file.
[12] Ebd.
[13] BArch-MArch, RM 61-IX-2. KTB IMRDD, 1.1.1945.
[14] KTB IMRDD, 14.1.1945. Hier eine zusammenfassende Darstellung der Ereignisse um „KT 37“.
[15] Ebd. Anzumerken wäre hier, dass der Teil vom 16.—31.12.1944 vom KTB des IMRDD verschollen ist.
[16] RG-238, IMT Nürnberg Interrogation, Skorzeny file.
[17] BArch-MArch RH 19 V/68. KTB HGr. Süd, 1.1.1945.
[18] KTB IMRDD, 2.1.1945.
[19] BArch-MArch RH 19 V/68. KTB HGr. Süd, 2.1.1945.
[20] Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, Berlin, Bonn, Hamburg 1996, S. 32 und 49 (3.1.1945), wo es heißt: „Zur Leichterung des gestrandeten Versorgungsschiffes KT 37 ist ein Motorschlepper entsandt worden. Am 4.1.1945 gab es keinen Beitrag zur Donaulage.
[21] KTB IMRDD, 3.1.1945. Vergleiche dazu auch: Erich Gröner, Die deutschen Kriegsschiffe 1815—1945, Band 8/1, Bonn 1993, S.121 f. Gröner gibt als Verlustdatum den 2.1.1945 an. „March“ wurde 3 km östlich von Esztergom, nach auflaufen auf eine Sandbank, durch sowjetische Artillerie in Brand geschossen. Nach Kriegsende gehoben und als Kriegsbeute in die UdSSR überführt und stand ab 1951 als „Poltava“ in sowjetischen Diensten.
[22] KTB IMRDD, 14.1.1945. Fernschreiben des IMRDD, über die Vorgänge um KT 37, an OKM 1 SKL.
[23] BArch-MArch RH 19 V/68. KTB HGr. Süd, 3.1.1945.
[24] KTB IMRDD, 4.1.1945.
[25] Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, S. 95 und KTB IMRDD, 7.1.1945.
[26] Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, S. 104 (6.1.1945 Donaulage).
[27] Ebd. S.125 (7.1.1945 Donaulage).
[28] KTB IMRDD, 6.1.1945.
[29] KTB IMRDD, 13.1.1945 und Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, S. 237 (13.1.1945 Donaulage).
[30] Jürg Meister, Der Seekrieg in den osteuropäischen Gewässern 1941—45, München 1958, S. 331.
[31] BArch-MArch RH 27/13, Gen. Kdo. IX. Waffen-A.K. der SS, vom 9.1.1945, 18:10 Uhr, Ia/Tgb. Nr. 64/45 geh. (Funkspruch), Betr.: Tagesmeldung an die Armeegruppe Balck.
[32] BArch-MArch RH 19 V/68. KTB HGr. Süd, 12.1.1945.
[33] In der militärischen Literatur wird zumeist von einer erfolgreichen Bergung, zumindest eines Großteils der Fracht, gesprochen. Diese Darstellungen dürften auf die propagandistisch gefärbten und wohl nicht zutreffenden Darstellungen aus der Kriegszeit zurückgehen.
[34] KTB IMRDD, 13.1.1945. BArch-MArch RH 19 V/68, KTB HGr. Süd, 12.1.1945. Das KTB der HGr. Süd vermerkte am 12.1.1945: „Rückkämpfer der Besatzung des 2. nach Budapest in Marsch gesetzten Motorschiffes melden: Motorschiff am 3.1., 5 km ostw. Gran auf Nordufer festgefahren und von feindl. Art. in Brand geschossen […]. Auch das KTB der Seekriegsleitung vermerkte die Erkenntnisse zum Schlepper „March“ bereits am 12.1.1945 (Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, S. 220).
[35] Helmut Heiber, Hitlers Lagebesprechungen, Stuttgart 1962, S. 804 f. (Fragment des stenografischen Protokolls Nr. 19/45, Mittagslage vom 10. Januar 1945 im Gefechtsstand „Adlerhorst“, in Ziegenberg bei Bad Nauheim).
[36] KTB IMRDD, 8.1.1945.
[37] Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939—1945, Teil A-Band 65, S. 125 (Donaulage,7.1.1945) und KTB IMRDD, 7.1.1945.
[38] Einen guten Überblick über den Kampf um Budapest bietet der Dokumentenband: Festung an der Donau (Materialien aus dem Bundesarchiv Heft 14), Koblenz 2003. Hier besonders der Überblick von Norbert Számvéber auf den Seiten 8—34.
[39] Ebd.
[40] KTB Skl Teil A, Band 65, S.181 (10.1.1945) und KTB IMRDD, 10.1.1945.
[41] KTB Skl Teil A, S.181. Immerhin war bekannt, dass der Schlepper „March“ am 3.1.1945 die Brücke bei Estzergom passiert hatte.
[42] Titania“ (1928, Woltersdorf: „Erpel“) 26 Ltd.; 31,20 x 4,85 x 1,10 m; 270 PSe; M/P, Bruno Hatrwig, Berlin-Grünau; OT-Einsatz Rußland-Süd; 1944 OT-Einsatz Belgrad; WTL SO; 1945 re, verblieb auf der Donau, 1971 br. Für die Überlassung diverser Schiffsdaten bin ich dem Marine-Dokumentationszentrum Theodor Dorgeist zu Dank verpflichtet.
[43] KTB Skl Teil A, S.181 und KTB IMRDD, 10.1.1945.
[44] Ebd.
[45] Ebd. Als Führer des Unternehmens wurde Leutnant zur See Dobritz von der 2. Donauflottille bestimmt.
[46] Ein auch für den Personentransport geeignetes Radzugschiff von 182 t mit 315 PSi Motorleistung, seit Juli 1944 Räumschiff beim IMRDD.
[47] BArch-MArch RH 19 V/68.
[48] Ebd. FS, OKH/GenStdH/Op. Abt. Ia, Nr. 53/45 gKdos. vom 14.1.1945.
[49] „Krf“ (1916) ungarisches Radzugschiff Bakony; 11.1919 serbokroatisch „Krf“; 1929 jugoslawisch; 6.1941 Südost-Reederei (SOR); 22.6.1944 Räumschiff IMRDD, Räumgruppe Obere Donau; 24.12.1944 2. Donauflottille, Räumgruppe A; 9.5.1945 Linz, US-Beute, 23.3.1947 an Jugoslawien repatriiert; „Banat“ (jugoslawisch).
[50] KTB OKM/Skl/Teil A, a.a.O. S.147 und KTB IMRDD, 16.1.1945.
[51] KTB IMRDD, 19.1.1945.
[52] Ebd., 12.1.1945. FS, OKM Skl Adm. Qu II 112/45 gKdos, vom 12.1.1945.
[53] „Helios“ (1922); 7.1922Rad-S/P „Helios“; 4.1941 Lazarettschiff Donauflottille; 1943 Stabsschiff; 6.4.1944 Verwundeten-Transportschiff Wehrkreisarzt XVII (Wien), 24.12.1944 Wohnschiff Stab IMRDD; 1.4.1945 Hainburg, km 1883,4, versenkt durch russische Fliegerbomben. Nach 1945 gehoben, sowjetische Beute „Kavzak“ 9.1952 bei der Überführung in die UdSSR gesunken.
[54] KTB IMRDD, 11.1.1945.
[55] Ebd., 13. und 14.1.1945. Am 14.1.1945 verhinderten Schneestürme eine geplante Fahrt von Kapitän zur See Lautenschläger. Dieser wollte in Sachen „Titania“ beim Kommando der HGr. Süd in Esterhaza und bei der 6. Armee in Szentmarton sowie bei der Außenstelle der WTL SO in Gönyü vorsprechen.
[56] Ebd., 15.1.1945.
[57] Ebd., 16.1.1945.
[58] Ebd,. 20.1.1945 und NARA RG-373, Dick Tracy/Target Map – Donauufer bei Visegrad. Die Luftbilder vom 13.1.1945 wurden von der 3./NAG 14 (Eins.) gemacht. Vergleiche dazu auch im Historischen Marinearchiv den Fachartikel: „Der deutsche Mineneinsatz auf der Donau 1944/45“, hier auch das Luftbild „Donau-Ufer bei Visegrad“: → http://historisches-marinearchiv.de/sonstiges/artikel/donauverminung2.php
[59] KTB IMRDD, 20. und 21.1.1945.
[60] Ebd., 21.1.1945.
[61] Ebd., 21. u. 22.1.1945.
[62] Ebd., 21.1.1945.
[63] KTB OKM/Skl/Teil A, Band 65, S. 392.
[64] Ebd. S. 405.
[65] KTB IMRDD, 25., 28.1. und 6.2.1945. Erst am 6.2.1945 traf das Stabsschiff des IMRDD „Helios“ von Passau kommend in Hainburg ein.
[66] KTB OKM/Skl/Teil A, Band 65, S. 527.
[67] KTB IMRDD, 11.2.1945.
[68] Vergleiche dazu auch im Historischen Marinearchiv den Fachartikel → „Die Donaumonitore der deutschen Kriegsmarine“


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